Hausbesuch in Groß-Markow

Blumenmeer im Garten

Blumenmeer im Garten

Eine Ost-West-Familiengeschichte mit Happy-End führte Gabriele aufs Land.
Groß-Markow ist ein kleines Dorf mitten in Mecklenburg, idyllisch gelegen in der Mecklenburgischen Schweiz, umgeben von hügeligen Äckern und Weiden, auf denen schwarz oder braun gescheckte Kühe grasen. An diesem strahlend sonnigen Sonntag im September stehen die Blumen in den Vorgärten noch in voller Pracht. Auf den lila-blauen Herbstastern tummeln sich unglaubliche Mengen von Schmetterlingen. Zum Dorf gehört eine neugotische Kirche. Das  Gutshaus kann für Feiern und Seminare gemietet werden und neben einigen neueren Häusern säumen gediegen sanierte alte Dorfkaten die Straße. In einem davon wohnt seit vier Jahren Gabriele mit ihren beiden Kindern.

Beim Frühstück in der Sonne am Giebel des Hauses kommt Sommerstimmung auf. Gabriele trägt ein schulterfreies Sommerkleid und auch ich ziehe meine Jacke aus und genieße die Spätsommersonne. Wir sitzen gemütlich an einer Bierbank mit Cappuccino in riesigen Tassen und essen Brötchen mit hausgemachter Himbeerkonfitüre. Die frischen Brötchen habe ich aus der nächsten Stadt, dem 10 Kilometer entfernten Teterow, mitgebracht. Zwei Tage zuvor hat der Sohn seinen zehnten Geburtstag hier mit 12 Freunden gefeiert. Aber auch ohne diese ausgeliehene Biergartengarnitur hätten wir auf dem Grundstück die Wahl zwischen mehreren lauschigen Sitzplätzen. Mit Schatten, ohne Schatten – ganz nach Lust und Laune und Wetterlage. Der Garten ist nicht groß, aber er bietet auf kleinem Raum viele gemütliche Winkel und schöne Blickfänge. So wie der kleine Buddha, der mir aus einem Blumentopf heraus ins Auge sticht. Irgendwann ließ ein Handwerker ihn versehentlich fallen. Seinen Geist versprüht er – oder was von ihm übrig blieb – nun vom Treppenpodest am Hauseingang aus.

Vor dem Frühstück habe ich bereits einen Blick ins Haus geworfen und sofort Wohlfühl-Atmosphäre gespürt. Das Fachwerkhaus ist vollständig ökologisch und weitgehend originalgetreu saniert. Die Balken sind sichtbar gemacht, die alten Dielen und Türen aufgearbeitet. Neu hinzu gekommenen ist ein uriger Lehmofen mit Sitzbank, der sowohl die geräumige Wohnküche als auch Gabrieles Wohnzimmer heizt. Sie hat zweifellos ein Händchen fürs Kombinieren. Alte Möbel aus Omas Zeiten harmonieren mit orientalischen Kissen auf der Sitzbank des Lehmofens. Indische Accessoires und Krimskrams verschiedener Stilrichtungen versprühen ein gewisses Hippie-Flair. Einige Heiligenfiguren und Buddhas thronen über der Szenerie und strahlen Ruhe und Harmonie aus. Durch die Fenster blitzt die Sonne herein. Im Laufe des Tages wandert sie um das Haus herum bis sie jedes Zimmer erreicht hat.

Erfolgreiche Ost-West-Geschichte mit Happy-End

Aber wie hat es die im Westteil von Berlin aufgewachsene Gabriele nun nach Groß-Markow verschlagen? „Ich bin schon als Kind mit meinen Eltern regelmäßig hier in der Gegend gewesen. Wir haben trotz Mauer regelmäßig meine Verwandten in Teterow besucht. Bei Tante Liesbeth fand ich es immer wunderbar, obwohl alles ganz einfach war. Die Wände waren feucht, es gab nur ein Plumpsklo im Hof und abgewaschen wurde in zwei Schüsseln im Waschtisch.“ Auch als sie älter wurde, kam sie weiterhin nach Teterow und wohnte dann später im Bungalow der Verwandtschaft. Die Wende 1989 wurde für sie zum persönlichen Glücksfall und machte alles viel einfacher. Auch nach dem Studium, als sie anfing in Berlin als Gestalttherapeutin zu arbeiten, zog es sie weiterhin in die Gegend. Wann immer möglich, legte sie Ihre Arbeitszeit so, dass sie möglichst mehrere Tage am Stück bleiben konnte. Irgendwann waren auch die beiden Kinder dabei und im 30-Quadratmeter-Bungalow wurde es eng. Das hielt Gabriele aber nicht davon ab, weiterhin regelmäßig nach Teterow zu kommen. Probleme löste sie pragmatisch: „Wir hatten keine Waschmaschine im Bungalow. Die Wäsche habe ich in eine Wanne gefüllt, die Kinder sind dann einfach hineingestiegen und haben sie mit den Füßen gestampft. Dann musste ich sie nur noch spülen und aufhängen.“ Das ging zumindest solange das Wasser nicht wegen Frostgefahr abgestellt werden musste.

Irgendwann wurde sie von einem Freund gefragt, ob sie denn nicht endlich ganz in die Gegend ziehen wolle. Er hätte auch gerade von einer Wohnung gehört. Nach kurzem Schrecken über solch schwerwiegende Entscheidungen schaute sich Gabriele mit Ihren Kindern immerhin mal die Wohnung in Groß-Markow an. Es dauerte nicht lange, bis die Würfel fielen. Es  stellte sich heraus, dass die Wohnung erst in einem halben Jahr frei werden würde. Genug Zeit also, um alles gut vorzubereiten. Sie schrieb Bewerbungen an alle möglichen potentiellen Arbeit- und Auftraggeber und alles fügte sich. Heute hat Gabriele eine eigene Praxis für Psychotherapie.
Hinzuzufügen ist noch, dass Gabriele zwischenzeitlich in Berlin ein Haus mit großem Garten von ihrer Oma geerbt hatte. Dort wohnen nun ihre Eltern. Der Drang aufs Land nach Mecklenburg war einfach stärker.

Die Frage, ob die Entscheidung richtig war, erübrigt sich fast von selbst, wenn man mit Gabriele spricht und die kleine Familie erlebt. „Was ich manchmal vermisse ist, mal irgendwo einen Kaffee trinken zu gehen oder einfach durch Geschäfte zu bummeln.“ Aber das holt sie ab und zu in Berlin nach, wenn sie ihre Eltern besucht.
Einen deutlichen Unterschied für ihre Arbeit sieht Gabriele: „Die Hemmschwelle therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist hier noch deutlich höher. Das macht man hier erst, wenn es einem richtig schlecht geht.“

Lange Schulwege und kein Netz

Wichtig vor dem Umzug aufs Land war natürlich die Frage, auf welche Schule die Kinder gehen sollen. Beide gehen auf freie Schulen, die von engagierten Eltern, meist Zuzüglern, gegründet wurden. Inzwischen gibt es davon schon einige Erfolgsbeispiele in der Gegend, auch wenn die Schulverwaltung eher versucht den Neugründungen Steine in den Weg zu schmeißen, da sie wohl die Konkurrenz fürchtet, wie Gabriele meint. Die 12-Jährige Tochter muss seit der 7. Klasse allerdings einen weiten Schulweg bis in die Nachbarstadt Güstrow in Kauf nehmen. Aber durch gute Koordination mit anderen Eltern lässt sich der Fahraufwand  auf mehrere Schultern verteilen.

Eine unfreiwillige Einschränkung ist auch, dass es im Dorf bisher kein richtiges Internet gibt. Nicht einmal mit gutem altem Modem ist da bisher was zu machen, obwohl es eigentlich gehen soll. Auch beim Handy-Vertrag muss man sich gut überlegen, für welchen Anbieter man sich entscheidet, denn nicht alle können empfangen werden. Mit ihrem einen Handy muss Gabriele immer erst bis zum Dorfteich gehen, um telefonieren zu können.
Die Kinder können immerhin in der Schule im Netz unterwegs sein. Aber abendliche Facebook-Orgien und ausgiebiges Chatten wie bei Gleichaltrigen üblich fallen zwangsläufig aus. Darüber sind Eltern wahrscheinlich weniger traurig, erspart es ihnen doch Auseinandersetzungen über zeitliche Begrenzungen des Internetzugangs.

Nachdem die Brötchen gegessen und der Cappuccino ausgetrunken ist, machen wir noch einen Spaziergang durchs Dorf, vorbei am gerade belegten Gutshaus und der kleinen Dorfkirche, in der alle paar Wochen Gottesdienst stattfindet. Ich verabschiede mich, nachdem auch die Schmetterlinge fotografiert sind und Gabriele mir noch einen Guten Tipp zum Kaffeetrinken im Nachbardorf gegeben hat.
Dazu dann mehr beim nächsten Mal…

 

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