Hausbesuch im Gutshaus Gottin

Der Wintergarten

Der Wintergarten

„Es war nicht Liebe auf den ersten Blick“ sagt Linde Fritz, als sie erzählt, wie sie zu ihrem Gutshaus in Gottin gekommen ist. Dies scheint zunächst überraschend, denn wer das Haus betritt, spürt deutlich, dass hier jemand mit viel Liebe dem gesamten Anwesen einen sehr persönlichen Stempel aufgedrückt hat. „Eigentlich bin ich durch die Literatur nach Mecklenburg gekommen“, klärt Linde Fritz mich später auf. Das war 1996, und seitdem hat das damals baufällige Gebäude wieder den gediegenen Charme eines mecklenburgischen Landsitzes zurückgewonnen. Heute ist das Haus eine gute Adresse für Kulturinteressierte aus der Region und Urlauber, die Mecklenburg erkunden und dabei stilvoll wohnen möchten.

Nachdem Linde Fritz noch einige Holzscheite in den historischen Kachelofen gelegt hat, erzählt sie mir im Salon bei Kaffee und Kuchen wie sie ihr Weg nach Gottin geführt hat.
Die Lehrerin aus Stuttgart stellte sich am Ende ihrer Dienstzeit die Frage, ob das nun alles gewesen sein sollte. Ein einschneidendes persönliches Erlebnis half ihr bei der Entscheidung, noch einmal etwas völlig Neues zu beginnen. Dabei dachte sie zunächst aber ganz und gar nicht an ein Projekt in der Dimension eines Gutshauses, sondern eher an ein kleineres Häuschen. Fest stand dagegen, dass es in Mecklenburg liegen sollte, in der Landschaft der Romane von Uwe Johnson. Sie selbst hat ihre Kindheit in Hinterpommern verlebt in einer ganz ähnlichen, von Grund- und Endmoränen geprägten Gegend, nicht weit von der Ostsee. Das elterliche Gutshaus, jetzt in Polen, gab es aber nicht mehr.
Erinnerung und Romanhintergrund verwoben sich in ihrer Vorstellung. „Johnson arbeitet sehr genau. Ich habe vieles hier wirklich so vorgefunden, wie er es beschreibt, bis hin zu einzelnen Charakteren: Gesine etwa, oder der alte Tischler Cresspahl, der mir hier in der Person eines Schlossers begegnete.“

Das durch Johnsons Literatur geweckte Interesse zog sie gleich nach der Wende nach Mecklenburg. Mehrfach verbrachte sie ihren Urlaub in Güstrow und an der Küste und lernte Land und Leute kennen. Aber erst im Herbst 1995, zu Beginn des letzten Jahres im Schuldienst, begann Linde Fritz intensiv nach einem passenden Haus zu suchen. Dafür besorgte sie sich auch den Zweiten Immobilienkatalog der Landesregierung mit einer Fülle von größeren, großen und ganz großen Gutshäusern und Schlössern darin, alle renovierungsbedürftig oder schon im Verfall begriffen.

Im Katalog war auch das Gottiner Gutshaus verzeichnet, das gefiel Frau Fritz aber nicht so recht und wurde durchgestrichen. Nachdem sie dann irgendwann eher zufällig und auch nicht zum ersten Mal durch Gottin fuhr, stach ihr die große Birke, die unter der Eingangstreppe hervorgewachsen war und im warmen Licht der Herbstsonne leuchtete ins Auge. Da funkte es plötzlich und sie wusste, dass dies ihr Haus werden sollte.

Eine aufregende Zeit begann. Linde Fritz stürzte sich in das Abenteuer, verkaufte ihre Wohnung und zog los nach Mecklenburg, weit weg von Kindern, Enkeln und den meisten Freunden – Aufbau statt Ruhestand.
„Ich hatte in Stuttgart meine Vier-Zimmer-Altbauwohnung renovieren lassen. Daher meinte ich, Ahnung vom Bauen zu haben.“ Dass das zu optimistisch gedacht war, stellte sich bald heraus und sie musste viel Lehrgeld zahlen. Auch dass der Ausbau eines historischen Gebäudes mit manchen schmerzlichen Überraschungen verbunden und ein langwieriger Prozess sein kann, musste sie erkennen. „Als ich anfing dachte ich, nach drei Jahren wäre ich mit dem Ausbau fertig, jetzt bin ich immer noch dabei“, sagt sie heute nach über 15 Jahren, nicht ohne Selbstironie.

Neues Leben in alten Mauern und Alte Rosen im neu erstandenen Park

Doch das sind nun eher Kleinigkeiten. Das Haus strahlt in frischem Glanz und ist lebendig geworden. Linde Fritz war es von Beginn an ein großes Anliegen, das Haus zu öffnen. Die kunstsinnige Hausherrin veranstaltet Ausstellungen, Musikabende, Lesungen und Diskussionen. Auch der Austausch und das Kennenlernen zwischen Ost und West ist ihr ein Herzensanliegen. Sie freut sich, wenn ihre Gäste aus Jena und Düsseldorf, aus Greifswald, Goslar oder Berlin am Frühstückstisch ins Gespräch kommen und sich interessante Diskussionen und gemeinsame Unternehmungen ergeben. Die ehemaligen Repräsentationsräume stehen nun den Besuchern offen: Salon, Bibliothek, Weinkeller und das Café im Wintergarten.

Und natürlich der wunderbare Park mit exotischen Gehölzen und den vielen Alten und Englischen Rosen, die die Rosenliebhaberin gepflanzt hat. Gut ein Hektar des früher viel größeren Gutsparks wurde mit erworben. „Aus der Großstadt kommend, schien mir das damals sehr viel zu sein“, erzählt mir Linde Fritz. Inzwischen weiß sie, dass die Parkanlagen in Mecklenburg eigentlich erst bei 5 oder gar 10 ha anfangen. Erstaunlich ist, was mit Hilfe einer erfahrenen Landschaftsgärtnerin aus dem verwilderte Grundstück entstanden ist. Der Blick aus dem Salon in den Park fällt auf ein von Rosen umgebenes Rondell mit einladenden Tischen und Stühlen. Verschlungene Wege und ein kleiner Wasserlauf führen weiter in den hinteren Teil des Parks mit altem Baumbestand. Zwischen den Bäumen glänzt weit entfernt eine Wasserfläche. Ein paar Laufenten watscheln umher.

Linde Fritz hat nach und nach die Geschichte des Hauses erforscht. Beim Kauf als Bau der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts ausgewiesen, ist es tatsächlich aber viel älter. Kontakte zu Nachkommen sowohl des Erbauers als auch früherer Besitzer, Recherchen in alten Jahrbüchern und in Archiven in Schwerin und Hamburg und nicht zuletzt aufmerksame Beobachtungen beim Ausbau lieferten hilfreiche Informationen. Erbaut wurde das Haus 1832 auf älteren Grundmauern im klassizistischen Stil vom Hamburger Bankier Richard Parish, der wahrscheinlich den erfolgreichen, aus Frankreich stammenden Architekten und Landschaftsgestalter Joseph Ramée beauftragt hatte. Ramée, knapp eine Generation vor dem bekannten preußischen Gartenkünstlers Peter Joseph Lenné geboren, schuf wie dieser Parkanlagen im englischen Stil, die die natürliche Landschaft einbezogen, baute aber auch Häuser, vor allem in der Hamburger Gegend, in Dänemark und in den USA, und wohl auch das Gutshaus in Gottin.

Eine wirkliche Besonderheit dieses Hauses mit seinem quadratischen Grundriss ist, dass es im Inneren durch einen Lichthof erhellt wird. Die damit verbundene auffällige Dachkonstruktion fiel 1939 einem Umbau mit Aufstockung zum Opfer. Der äußere Charakter des Gebäudes veränderte sich dadurch stark. Aber auch jetzt schafft der verglaste Lichthof eine besondere Atmosphäre.

Auf mich wirkt der schlichte Stil der Räume und Einrichtung wunderbar stimmig, bis hin zu den alten Kaffeetassen, die auf dem Tisch stehen. Details wie die schöne, nach historischer Vorlage neu angefertigte Haustür lassen den ursprünglichen Charakter auferstehen. Doch Linde Fritz sticht hier und da etwas ins Auge, mit dem sie noch nicht ganz zufrieden ist, Kleinigkeiten.

Das Haus bietet vierzehn individuell und mit alten Möbeln gestaltete Gästezimmer sowie eine Maisonette-Wohnung. Auch moderne Annehmlichkeiten wie ein kleiner Wellnessbereich sind vorhanden.
Doch ein solches Haus zu betreiben erfordert Enthusiasmus. Im Sommer ist es traumhaft, aber die Urlaubssaison ist kurz, im Winter kommen deutlich weniger Gäste, die Heizkosten sind nicht unerheblich. Und der Park, der Allgemeinheit zugänglich, erfordert viel Pflege. Bei der Renaturierung hat das Staatliche Amt für Umwelt und Natur geholfen, aber Linde Fritz wünschte sich auch für die laufende Pflege der historischen Parkanlagen des Landes mehr öffentliche Unterstützung, denn sie sind wichtige Kulturgüter und Anlaufstellen für den Tourismus. Sie selbst erhält Hilfe vom Förderkreis Gutshaus Gottin. „Es waren Freunde und Kollegen, die sich in dem Kreis zusammenfanden. Ohne ihre Hilfe und ihren Zuspruch hätte ich oft nicht weiter gewusst.“ Inzwischen hat sich der Kreis erweitert. Auch mancher Besucher steckt einen Obolus in den Spendentopf.

Man merkt Linde Fritz an, dass sie ihr Haus genießt. Es macht Spaß mit ihr in den Mappen mit alten Dokumenten und Fotos zu blättern. Sie zeigt mir Bilder, auf denen die ursprüngliche Einrichtung vom Anfang des 20. Jahrhunderts zu sehen ist. Und Bilder der letzten Eigentümer vor der Enteignung. Die junge Familie hatte nicht viel Glück in Gottin. Der Hausherr fiel bald im Krieg, die Witwe musste mit den Kindern flüchten und verlor den Besitz.

Die mecklenburgischen Gutshäuser haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Sie haben Besitzer gehabt, die mehr oder weniger prägende Spuren hinterlassen haben. Oft gingen sie durch viele Hände, haben gute und schlechte Zeiten erlebt. Nach Jahrzehnten der Verwahrlosung hat Linde Fritz diesem Haus wieder zu einer sehr guten Zeit verholfen.

Und ich nehme mir nun ganz fest vor, Uwe Johnsons „Mutmaßungen über Jakob“ zu lesen.

Weitere Informationen:
www.gutshaus-gottin.de

 Lageplan

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