Burg Schlitz und sein eigenwilliger Schöpfer

Spaziergänge in der Landschaft von Burg Schlitz. Ein Parkführer in 62 Denkmalen und 13 Skizzen von Renate Hippauf und Jürgen LuttmannMit diesem Buch in der Hand wird der nächste Parkspaziergang eine Entdeckungsreise.

Spaziergänge in der Landschaft von Burg Schlitz. Ein Parkführer in 62 Denkmalen und 13 Skizzen von Renate Hippauf und Jürgen Luttmann ist aber mehr als ein Parkführer. Die Autoren erzählen sachkundig und unterhaltsam über die Entstehungszeit und den Schöpfer einer der beeindruckendsten mecklenburgischen Schlossanlagen, den Diplomaten und Landwirt Hans Graf von Schlitz. Schön, dass es jetzt ein Buch darüber gibt.

1791 hatte es den hochgebildeten und weltläufigen Preußen in das idyllisch gelegene Dörfchen Karstorf zwischen Teterow und Waren verschlagen. Der wohlsituierte Graf war auf der Suche nach einem eigenen Gut, das er, getreu seinem persönlichen Lebensmotto WWWV „Wünsche Wenig, Wirke Viel“ und von aufklärerischen Ideen beseelt, nach seinen Vorstellungen gestalten konnte. Er war der Onkel des Romantikers Achim von Arnim, mit dem er in enger Beziehung stand.

Georgs Bank im Park von Burg Schlitz (Foto: Renate Hippauf)

Georgs Bank im Park von Burg Schlitz (Foto: Renate Hippauf)

Die Lage in der lieblichen Hügellandschaft hatte es dem Grafen sofort angetan. Auch die rückständige mecklenburgische Verfassung sprach aus seiner Sicht  für die Ansiedlung in Mecklenburg, weil er die den Landständen darin gewährten umfangreichen Rechte und Privilegien als Gestaltungsspielraum interpretierte. Nachdem er Egoismus und Trägheit des mecklenburgischen Landadels kennengelernt hatte, wusste er, dass dies ein naives Missverständnis war. Trotzdem gelang es ihm mit einigen Gleichgesinnten, u.a. dem Agrarökonom Johann Heinrich von Thünen, die gegebenen landwirtschaftlichen Verhältnisse aufzumischen. Mit dem Rostocker Landwirtschaftsprofessor Lorenz Karsten gründete er 1798 die „Mecklenburgische landwirthschaftliche Gesellschaft“, von der über die nächsten Jahrzehnte und weit über die Landesgrenzen hinaus entscheidende Impulse für die Modernisierung der Landwirtschaft, verbunden auch mit sozialen Verbesserungen ausgingen.

Mit dem Erfolg als Landwirt erwarb sich von Schlitz die Anerkennung der eingesessenen Gutsherren und die finanzielle Freiheit, seinen Besitz nach seinen Vorstellungen gestalten und erweitern zu können. Krönung seines 40-jährigen Wirkens wurde die klassizistische Schlossanlage auf dem Buchenberg, erbaut zwischen 1812 und 1823. Jahrelang hatte er über den Plänen gebrütet und dabei mehrere Baumeister verschlissen, Kriegswirren verzögerten die Ausführung. Letztendlich stammt der Entwurf weitgehend von ihm selbst und auch beim Bau und der Ausstattung überließ er nichts dem Zufall. Bereits Jahre vor dem Bau des Schlosses hatte er mit der vorausschauenden Gestaltung der umgebenden Landschaft zu einem empfindsamen Landschaftspark im englischen Stil begonnen.  Alleen und  exotische Gehölze wurden lange vor dem Bau des Schlosses gepflanzt und Sichtachsen angelegt.

Lebensspuren in Granit

In die von ihm geformte Parklandschaft setzte der literarisch und philosophisch interessierte Graf eine Vielzahl von Denkmälern und Gedenksteinen, die er aus dem vorgefundenen heimischen Granit schlagen ließ und die er berühmten Persönlichkeiten und Ereignissen seiner Zeit widmete oder mit denen er persönlicher Erlebnisse oder Menschen, die in seinem Leben eine wichtige Rolle spielten, gedachte. Einzelne Obelisken, Stelen oder einfache Steine stehen an landschaftlich markanten Stellen, mitunter auch sehr versteckt und tragen meist kurze, teilweise poetische Inschriften. Die Inschriften verschweigen oft mehr als sie verraten, machen nachdenklich, werfen Fragen auf.

Der Graf hinterließ eine harmonisch in die Landschaft gefügte Schloss- und Parkanlage, die zwar Vorbilder hat und den Geist der Epoche widerspiegelt, aber doch etwas ganz Eigenständiges ist und noch heute Leben und Persönlichkeit des Erbauers erahnen lässt. Die Wirkung auf die Nachwelt hatte dieser durch aus von Anfang an im Blick.

Nicht lange durfte der zunehmend schwermütig gestimmte Hausherr sein Lebenswerk genießen. Obwohl selbst als Diplomat aktiv, konnte er nicht verhindern, dass er im Jahr vor seinem Tod durch die Kriegswirren im Zusammenhang mit der Napoleonischen Besetzung seinen Besitz durch Konkurs verlor. Doch auch zuvor schon zeigte sich, dass seine Vision von einem gastlichen Haus als Ort anregenden intellektuellen Austauschs im abgelegenen Karstorf nicht funktionierte. Seine geistreiche, aus Regensburg stammende und an ein lebhaftes gesellschaftliches Leben gewöhnte Frau Luise konnte sich mit der Gegend nie anfreunden. Sie folgte ihm erst nach 22 Ehejahren nach Mecklenburg als der Westflügel des Schlosses fertiggestellt war. Feste fanden in den prächtigen Räumen kaum statt, denn es gab keine passenden Gäste. Die Kinderzimmer blieben leer, die einzige Tochter war bei Ankunft in Burg Schlitz bereits 15 Jahre alt.

Vergangenheit – Vergänglichkeit – Ewigkeit, so steht es auf einem der Monumente und diese Stimmung spüren aufmerksame Besucher. Der einsame Schossherr endete als Gescheiterter und doch hat er sein Ziel erreicht – er hat sich selbst ein Denkmal gesetzt. Sein tragisches Ende passt zur Stimmung der Anlage, verstärkt die Wirkung noch. Der Schöpfer wurde Teil seines Werks.

Vielleicht hätte Graf Schlitz sein Park heute sogar noch besser gefallen als damals, denn nun liegt Patina über allem. Die Steine sind bemoost und mit Flechten bewachsen. Teile fehlen, manches lässt sich nur noch erahnen, ganz im Sinne des Erbauers. Ein Spaziergang durch den Park ist auch eine Spurensuche.

Dabei hilft das neue Buch. Alle Denkmäler und botanischen Besonderheiten sind beschrieben, Routen durch den Park werden vorgeschlagen. Schön wäre bei all der Mühe noch ein Personenregister am Ende gewesen. Etwas schade ist, dass die vielen Zitate nicht mit Fußnoten genau belegt sind. Dadurch ist der Leser stellenweise verwirrt, wer und was eigentlich gerade zitiert wird. Von diesen Anregungen für die nächste Auflage  abgesehen kann ich das Buch allen, die mehr über den eigenwilligen Grafen wissen wollen, sehr empfehlen. Viel Spaß bei der Spurensuche in Burg Schlitz!

Renate Hippauf, Jürgen Luttmann (Hrsg.): Spaziergänge in der Landschaft von Burg Schlitz. Ein Parkführer in 62 Denkmalen und 13 Skizzen. 1. Auflage. Stavenhagen 2011. 215 S., 12,50 Euro

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