Wenn Käsen, Saften und Marmelade kochen kein Abenteuer mehr sind

André Meier, Anja Baum: Hollerbusch statt Hindukusch. „Hollerbusch statt Hindukusch. Neues von der Aussteigerfront“, so heißt ein Buch von André Meier und Anja Baum.

Nach der Lektüre dieses Buches wird sich so mancher Teilzeit-Landbewohner entspannt in seinem Liegestuhl zurück lehnen.
Familie Baum-Meier dagegen hat vor über zehn Jahren Nägel mit Köpfen gemacht und ist mit Kind und Kegel aus Berlin in ein einsames 10-Seelen-Dorf im brandenburgisch-vorpommerschen Grenzland gezogen. Ruhig und ursprünglich sollte es sein. Mit Haut und Haar stürzte sich das engagierte Paar in das Landleben und versucht sich seitdem auf seinem Hof in biologischer Selbstversorgung und nachhaltiger Lebensart.

Das abgelegene Anwesen teilt sich die Familie mit Pferden, Ziegen, Schafen, Kaninchen und Hühnern, denn „wer auf Viehzeug verzichtet, degradiert seinen Hof zum Schrebergarten, ist bestenfalls Kurgast, aber nie und nimmer ein echter Landmann.“ Die mit Pflanzen, Ernten und Schlachten verbundenen Mühen, Freuden und Misserfolge werden humorvoll und selbstironisch abwechselnd aus der Perspektive von „Bauer“ und „Bäuerin“ beschrieben.

Es geht um mitunter skurile Erfahrungen und Erlebnisse bei der Bewältigung des dörflichen Alltags, aber auch um die eher widrigen Herausforderungen des Aussteigerlebens: die ländliche Service-Wüste, Novemberblues, Probleme mit dem pubertierenden Nachwuchs, drohendes verfrühtes Ableben wegen schlecht erreichbarer medizinischer Versorgung, lethargische Dörfler und die allgegenwärtige soziale Kontrolle durch die liebe Nachbarschaft .

Wie die Autoren resümieren, setzt nach 8 bis 10 Jahren bei vielen Neudörflern eine Phase der Ernüchterung ein. Käsen, Saften und Einwecken sind dann Routine oder sogar lästige Pflicht, das Verhältnis zum Getier wird pragmatischer. Auch in der Beziehung ist die Luft oft raus. Sinnkrisen verdunkeln das Idyll und so mancher Apfel bleibt nun unverarbeitet unterm Baum liegen.
Jetzt zeigt sich, wer wirklich für das Landleben geboren ist. Der Landmensch light hat es leicht seine Zelte wieder abzubrechen – Haus verkaufen und der Alltag geht weiter. Wer aber sein Leben ganz aufs Land verlegt hat, für den ist „eine Rückkehr in die kommoden Mauern der Stadt ohne Kapital- und Gesichtsverlust unmöglich geworden“. Welche mehr oder weniger erfolgreichen Überlebensstrategien landmüde Stadtflüchtlinge in dieser Misere entwickeln, wird lakonisch beschrieben.

Das Buch mag manche Leser bestätigen oder auch bestärken und manchen die Augen öffnen. Auf alle Fälle tut es das auf sehr unterhaltsame Weise.

André Meier, Anja Baum: Hollerbusch statt Hindukusch. Neues von der Aussteigerfront. Seitenstraßen Verlag, Berlin 2011, 9,90 Euro

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